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Neue Bücher im Regal (2)

von Benjamin Wittorf am 23. Dezember 2009 (vor 78 Tagen)

Die zweite Runde einer Auswahl neuer Bücher und einem Comic in meinem Regal – wieder mit der einen oder anderen Leseempfehlung.

Übersicht

Internet And Society von Christian Fuchs (2008)

Christian Fuchs – Internet And SocietyZwar gibt es schon diverse (mehr oder weniger) wissenschaftliche Veröffentlichungen, die sich mit Themen des Internets beschäftigen, aber es wird – so Christian Fuchs – eine primär theoretisch-fundierte Theorie von “Internet und Gesellschaft” benötigt, und dass diese kritisch in ihrem Anspruch sein sollte.

Und liefert dann auch eine: In “Internet and Society” legt Fuchs nieder, wie das Internet das Leben der Menschen und ihre sozialen Bindungen in der aktuellen Gesellschaft verändert hat. Er skizziert dabei eine Sozialtheorie über das Internet und die Informationsgesellschaft und zeigt wie politische, ökonomische, ökologische und kulturelle Systeme durch Informations- und Kommunikationstechnologie verändert wurden und werden. Dabei hat sie ihren Ursprung in der Frankfurter Schule (und damit neomarxistischen Idealen) und Konzepten der sozialen Selbstorganisation.

In der Kürze dieses Eintrages, der dann auch mehr eine Zusammenfassung ist, ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit dieser Thematik und dem Anspruch leider nicht möglich, deswegen nur soviel: ein interessanter, natürlich nicht zu überprüfender, ganzheitlicher Ansatz mit vielen spannenden Ideen vor einem wissenschaftstheoretischem Hintergrund, der es wert ist, sich bei Affinität zu dem Thema selbst eine Meinung zu bilden. (ISBN 184169584X)

Truth, Lies And Trust On The Internet von Monica T. Whitty und Adam Joinson (2008)

Monica T. Whitty And Adam Joinson - Truth Trust And Lies On The InternetMehr wissenschaftliches zum Internet, hier aber praktisches (psychologisches) Material. Das Internet: Ort, an dem sich in der Tat Abgründe des Menschen finden lassen, aber auch ein Ort, an dem neue Qualitäten der zwischenmenschlichen Beziehungen entstehen.

Diesem sozialen Raum, so lernen wir in dem Buch, liegen Wahrheit, Lüge und Vertrauen zugrunde. Vorgestellt und analysiert wird das durch empirische Sozialforschung, allerdings oft mit dem von mir gerne so genannten “Popcorn-Effekt”: man hört zu oder liest etwas, und ist überrascht, wie überrascht andere von solchen Offensichtlichkeiten sind, und wünscht sich, dass man Popcorn hätte, weil das großes Kino ist. Vieles ist nun wirklich evident, wenn man eben selbst darüber nachdenkt, wie dass die Anonymität des Netzes eine hohe Qualität des Sich-Preisgebens in Beziehungen ermöglicht, aber eben genauso Täuschung und Diffamierung. Den Beweis dazu führen dann die entsprechenden Studien an.

In der Tat, wie der Buchrücken verspricht, interessant für alle, die sich mit (deviantem) Verhalten im Internet und entsprechender Technologie auseinandersetzen, aber auch fast schon Pflichtlektüre für diejenigen, denen das eben nicht so offensichtlich ist oder nur die Schattenseiten aus den Medien kennen, und professionell mit dem Netz zu tun haben. (ISBN 184169584X)

What The Dormouse Said von John Markoff (2005)

John Markoff – What The Dormouse SaidEin wunderbares Buch nicht nur über die Geschichte, wie der Personal Computer dort gelandet ist, wo er jetzt ist, sondern besonders, wie es dazu gekommen ist und die Gegenkultur der 1960er grundlegend dazu beigetragen hat. Die Bemerkung erlaube ich mir bereits vorab, weil gerade dieses Thema vor seinem gesamten kulturellen Hintergrund für mich hochassoziativ ist, und ich meine ganzen Eindrücke, gesehene und gelesene Medien und eigenen Ideen sicherlich kaum so vortrefflich geschichtlich aufbereitet bekommen hätte wie es Markoff getan und geschafft hat. Schade nur, dass das Buch dort aufhört, wo ein gewisser William Henry Gates der Dritte das Feld betritt.

(Ich hatte in das Thema mit Serial Experiments: Lain einen fiktionalen Einstieg mit realer Referenz, viel Philosophie und “brainfuck”; die Doku Das Netz war ohne Zweifel toll, um interessante und beteiligte Menschen, ihre Ideen und Werke als Interview-Partner vorgestellt zu bekommen, aber gleichzeitig im späteren Verlauf eine fragwürdige Plattform für Kaczysnskis “Theorie” bot.) (ISBN 0670033820)

Death By Black Hole von Neil deGrasse Tyson (2007)

Neil deGrasse Tyson – Death By Black HolePhysik und Mathematik gehören zu den Wissenschaften, die ich sehr spannend finde, mich aber niemals in Vollzeit mit beschäftigen könnte. Umso schöner ist es, dass es immer wieder Bücher gibt, die es schaffen, die meist komplizierten Themen ansprechend, fesselnd und verständlich zu beschreiben (wie Bücher von Simon Singh oder John Gribbin).

Hier ist es – wie der Titel schon nahe legt – die Astronomie als Teil der Physik. Für mich noch interessanter als Physik “an sich”. In zweiundvierzig (!) Essays erklärt Tyson Prinzipien eben jener in unterhaltsamer und verständlicher Art. Er berichtet vom Sonnensystem, von Astrobiologie, zum Ende hin auch von Überschneidungen von Wissenschaft mit Religion und Kultur, wie: was passiert, wenn man in der Nähe eines schwarzen Loches strandet (der Titel des Buches nimmt das Ergebnis vorweg), oder warum viele Filme Grundlagen der Astronomie ignorieren oder falsch wiedergeben.

Ein spannendes Buch für den ultimativen Blick über den Tellerrand hinaus, auch ohne übergreifenden roten Faden durch die Essays. Interessanter war Astronomie selten. (ISBN 9780393330168)

Learned Pigs & Fireproof Women von Ricky Jay (1998)

Ricky Jay – Learned Pigs And Fireproof WomenFilme über Magier und ihre Tricks sind eher selten (auch, wenngleich nur Fiktion, im selben Jahr The Illusionist und The Prestige im Kino liefen). Was dann sonst zu sehen ist, ist meist das Werk selbst (wie bei Mindfreak), oder das Demontierende. Bis auf den nur namensgebenden Roman David Copperfield von Charles Dickens für David Seth Kotkin, oder auch den hin und wieder erscheinenden Sach- und Rachebüchern ehemaliger Assistenten von Bühnenmagiern, ist das mir bekannte Printfeld frei von Literatur über die Zauberei an sich, insbesondere über den romantischen und historischen Aspekt. (Es gibt sicherlich einige Publikationen dazu, aber wohl nichts, was unbedingt im Feuilleton auftaucht.)

Mit Learned Pigs & Fireproof Women von Ricky Jay ist dann also endlich ein schönes Buch erschienen, dass an von mir gelesener Stelle Erwähnung fand, und aufgrund der Seltenheit dieses Themas und seiner Präsentation unbedingt von mir erworben werden musste. In ihm werden besonders interessante Magier und Entertainer mit ihren Tricks und Einlagen vom Mittelalter bis zum zwanzigsten Jahrhundert aufgeführt – so besonders und interessant, dass man bei jeder Person (oder Tier) denkt, dass die doch die “besonderste” und interessanteste sein muss, bis man von der nächsten liest: Schweine, die mathematische Aufgaben lösen konnten oder Menschen, die Steine aßen.

Das Buch ist also keines, dass strikt nur über die Geschichte der Magier berichtet, und damit also keinen wirklich historischen Ansatz verfolgt. Es ist aber so unglaublich faszinierend, dass es leicht eines der bemerkenswerten Bücher ist, das man lange Zeit gelesen haben wird. (ISBN 0374525706)

How von Dov Seidman (2007)

Dov Seidman – HowPassend als Ergänzung zu Tara Hunts The Whuffie Factor beschreibt Dov Seidmann in How, dass es nicht länger wichtig sei, was wir tun, sondern wie. Für mich ist das Thema – Transparenz, Ehrlichkeit und Moral im geschäftlichen und persönlichen Umgamg – nachvollziehbar und ein Selbstverständnis, aber “an sich” keines, dass einer Erwähnung wert sein sollte. Sollte, denn (leider nicht nur) dem Erfolg dieses Buches nach ist es eben doch so, dass dieser Umgang nicht selbstverständlich ist, und in etlichen Köpfen ein wirklich neues Konzept zu sein scheint. Nicht in dem Sinne, persönlich diesem Ideal zu folgen, sondern Kunden nicht als Feind (und der Anekdote wegen: den Konkurrent als Freund) zu verstehen, dessen Meinung einer Firma nachhaltig schaden kann.

Gut ist da also, dass Seidmann die ethischen und moralischen Implikationen all dieser Offenheit beleuchtet, und trotz seiner Erfahrungen ein optimistisches Zukunftszenario skizziert. Wenn also Transparenz, Vertrauen und Reputation wirklich Motor von Erfolg sein werden, und “es” passiert, ist es vielleicht schon fast egal, warum sich Firmen entsprechend positionieren, und das “wie” zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird.

Insgesamt eine dann irgendwie doch lesenswerte Lektüre, weil es gute Argumente, passende Anekdoten und einige Hintergrundinformationen liefert, um nicht nur bloß erfolgreich eine Firma zu repräsentieren, sondern Firmenkultur zu schaffen, und auf jeden Fall ein Buch, dass man Kunden schenken sollte, mit denen man es wirklich gut meint, die selbst nicht wissen, wie. (ISBN 0471751227)

Und dann sind da noch…

xkcd Volume 0 von Randall Munroe (2009)

Wenn Web-Comics den Weg zum Buch finden! Prominentes Beispiel in Deutschland dürfte wohl NICHTLUSTIG sein, dass schon einige Zeit in Buchläden ausliegt. Hier vorgestellt ist es Randall Munroes – zu recht – in der Netzgemeine überaus erfolgreiches XKCD. Wohl nicht unbedingt Humor für die breite Masse, mit Themen aus Mathematik und Physik und rund ums Internet vor oft gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Hintergründen. In der Aufbereitung als Buch hat Munroe dafür seine liebsten strips zusammengetragen und teilweise um kurze Kommentare erweitert. Es sind nicht unbedingt meine liebsten, aber es ist eine dennoch gelungene und kurzweilige Auswahl. Wert zu kaufen, ob nun, weil man den Feed nicht abonniert hat, oder einfach um Munroe zu unterstützen. (IBSN 9780615314464)

Confessions Of An Economic Hit Man von John Perkins (2005)

Eines dieser Bücher, bei denen, wenn sie bloß im Kern nur zum Teil schon wahr sein sollten, man sich denkt, dass das doch nicht wahr sein darf: John Perkins, ehemaliger “chief economist” bei einer Bostoner Consulting-Firma, berichtet in diesem Buch, wie er 10 Jahre lang für amerikanische Geheimdienste und multinationale Großunternehmen diverse ausländische Staatschefs vornehmlich der dritten Welt dazu “überredet” hat, der amerikanischen Außenpolitik gegenüber wohlgesonnen zu sein und lukrative Aufträge an amerikanische Unternehmen auszuschreiben. Sehr spannend. (ISBN 0452287081)

Breakpoint von Richard A. Clarke (2007)

Bei Clarke, der seit 1973 mit der US-Regierung arbeitet – ehemals im Office of the Secretary of Defense, dann in Bereichen wie nationale Sicherheit, Anti-Terror und Militär – kann man davon ausgehen, dass er nicht bloß einfach über das gelesen hat, worüber er schon geschrieben hat, ob Sachbuch oder Fiktion. Umso interessanter ist es, wie “so jemand” sich Gedanken um die Zukunft macht. In Breakpoint nähert er sich dabei der Singularität: wie Wissenschaft den Mensch neu erschaffen und erweitern wird, und Gen-Forschung so ein empfindungsfähiges Computerprogramm schafft, dass global vernetzt sein wird. Kein gewöhnliches Sci-Fi-Buch, aber eben auch keines für jeden. (ISBN 0399153780)

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