Mit immer mehr Geräten und Möglichkeiten, die uns im Denken unterstützen, mit bereits verfügbaren technischen Utopien wie dem Internet und seinem enormen Potenzial, der Singularität unmittelbar vor der Haustür, einer dreihundert Jahre zurückliegenden und anhaltenden Epoche der Aufklärung – da sollte man eigentlich annehmen, dass die Menschheit zu Beginn des dritten Jahrtausends aktiv in eine goldene Zukunft schreitet.
Irgendwie ist da etwas schief gelaufen. Ein rant.
Sagt der König zum Kardinal: “Halte du sie dumm – ich halte sie arm”
Das Denken wird nicht unterstützt, es wird abgenommen. Es gibt kaum noch Länder mit technischem Know-How, die 1984
nicht als Handbuch verstehen. Nationen, die noch immer mit Folter und Embargo ihre religiösen und ökonomischen Ansichten, die sie Freiheit nennen, anderen auferlegen wollen, und Zensur tatsächlich für sinnvoll und Vervielfältigung von Information und Wissen für Diebstahl halten. Aufklärung ist Verteilen von Angst, Unsicherheit und Zweifel gewichen. Unterhaltung für die Massen besteht darin, andere und sich schlecht da stehen zu lassen. Und das alles findet nicht in China statt, nicht irgendwo anders, nicht in schlechten Filmen, sondern hier, in unserer “aufgeklärten” Gesellschaft. Und dieses hier ist überall, wo man diesen Eintrag lesen kann.
Unter dem Deckmantel “Kampf gegen den Terror” werden Bürgerrechte im Wochentakt abgebaut. Dem Bürger wird misstraut, für ihn entschieden. Wer nichts zu verbergen hat! Deswegen kann er permanent überwacht, ihm erstmal unterstellt werden, dass er Böses vor hat. Nicht gegen andere Menschen – gegen den Staat, als Öffentlichkeit getarnt. Wer also Fotos in der Öffentlichkeit schießt, muss Terrorist sein. Wer nicht von hier, am liebsten Araber, ist, muss Terrorist sein. Wer einen anderen Glauben hat, muss Terrorist sein. Wer gebildet ist und eine Meinung hat, die der vorherrschenden politischen Meinung zuwider läuft, muss Terrorist sein. Wer einfach überhaupt nur anders ist, ist ein Terrorist. Für, pardon, mit uns, oder gegen uns! Uns, wir, die für dich entscheiden, was normal und was anders ist – und du es dir gefallen lässt und deine Neigungen für sicher in deinen vier Wänden hältst. Wie aufgeklärt wir doch sind.
Kinder sind folgerichtig schon Gedankenverbrecher und sexuelle Straftäter, weil sie in Augen von Lehrkräften sich so verhalten – bevor die Kinder überhaupt wissen können, was Sexualität ist. Eltern, die ihre Kinder fotografieren, sind pädophil. Männer, die Frauen mit nicht so großen Brüsten lieben, sind pädophil. Das öffentliche Stehen zur Sexualität wird immer gegen Kinder gedeutet. Menschen hingegen umzubringen – und das zu zeigen – ist völlig in Ordnung, das fördert das Zusammensein. Nur Sex muss Teufelszeugs sein.
Es wäre aber leicht, alles auf den Staat zu schieben. Schließlich ist der auch nur solange ein gesetzgebender und -ausführender Rahmen um eine Gesellschaft, bis diese ihn abschafft. (Wenn sie es denn bei voranschreitenden Möglichkeiten der Unterdrückung noch kann.) Es ist aber auch nicht die Gesellschaft – sie ist nur die Summe, das Aggregat all der in ihr befindlichen Akteure, ihrer Individuen und ihren Handlungen und deren Auswirkungen. Der einzelne ist es. Du. Ich. Statt uns aber dem zu stellen, möchten wir lieber Teil bleiben, nicht abweichen, nicht verstoßen werden. Da zensieren wir uns besser schon mal selbst.
Wir schalten uns gleich, wir flüchten in Oberflächlichkeit. Soziale Probleme werden dadurch “gelöst”, dass wir uns Konform verhalten, und je größer die wahrgenommenen Probleme, desto mehr. Wir folgen insbesondere Regeln (in) der Öffentlichkeit – Regeln, von denen wir nicht wissen, wer sie eigentlich aufstellt, oder warum wir uns daran halten sollten. Wer sich schließlich nicht daran hält, fällt durch, zu Groß der Druck von den anderen, von außen. Aber nicht wir fallen durch, die, die alles mit sich machen lassen! Nur wer sich nicht verarschen oder ausnutzen lässt, und wenn schon nur, weil er es sich nicht leisten kann, ist Querulant. Außenseiter. Ein Problem. Und so dreht sich das Rad weiter, und nichts wird besser. Es geht uns einfach noch zu gut, und wir müssen keine Verantwortung übernehmen – die da oben, die wissen schon, was gut und richtig ist und können also auch gerne geheimen Gesetze verabschieden, gegen die wir verstoßen dürfen – ohne sie zu kennen. Es geht uns sogar so gut, dass wir uns keine Gedanken darüber machen müssen, wie es besser sein könnte, für mich, dich, und für alle.
Glauben ist ohnehin besser als selber denken. Wie war das da noch mal mit der Aufklärung? Soll jeder glauben, was er mag, aber irgendwie haben wir es versäumt, das auch für andere gelten zu lassen – inklusive dem nicht-glauben. Im Namen von etwas Abstraktem werden für uns alle reale Entscheidungen getroffen, denen sich ohne nachzufragen dann gefügt wird. Säkularisierung? Da ruft der Papst zur Missionierung auf. Wer so mit seinem Glauben das Leben anderer Menschen diktiert, dem kommt es bestimmt gelegen, dass weltweit mehr in Rüstungs- und Bankenrettungsausgaben gesteckt wird als in Bildungsausgaben. Denn Bildung bedeutet zwangsläufig fragen. Praktisch aber, dass da die Wirtschaft den Fundamentalisten in die Hände spielt, denn deren Definition von Bildung passt zur braven, gläubigen Arbeiter-Drohne. Dumm nur, dass es die Sonderlinge sind, die Kreativen, die Andersdenkenden, die Innovationen schaffen, die nötig sind, um überhaupt nur bestehen zu können.
Wer dann aber nicht an ihn oder es oder das Göttliche glaubt, der glaubt dann gerne an sich. Sich selbst in Szene setzen, das ist wichtig. Das Ego-Branding, das Laut-sein, das Präsent-sein. Leistung kann halt anders definiert werden, da geht es nun um “mehr als du”, und nicht um “für mich”, geschweige denn um “für uns alle”. Da zählt auch kein Wissen, kein Können. Quantität über Qualität. Reichweite über Inhalt. Und als Highlight das Rad neu erfinden, als eigenes verkaufen, und bloß nicht eine bereits bestehende Diskussion voranbringen. Sozial-Neid, der Futterneid 2.0. Auch sehr aufgeklärt.
Es kommt niemand, um uns zu retten
Und jetzt? Was mag uns da die Zukunft bringen? Ein buzzwordiges Aufklärung 2.0? Von wegen. Wir erleben immer mehr einen informations- und gesellschaftstechnischen “Zeitgeist-Effekt”: Ursache und Wirkung sind beliebig austauschbar, quasi equinoxal, und für eine Zeit nicht mehr voneinander zu trennen. Und danach? Was bricht es auf? Die üblichen Verdächtigen: Krieg, Krise, Katastrophen. Vielleicht aber wirklich die Singularität. Posttranshumanismus? Das Problem ist einfach, dass zwar derweil Massenvernichtungswaffen demokratisiert sind, aber der Transhumanismus es nicht sein können wird. Warum sollten die, die jetzt schon überwachen, filtern und dadurch kontrollieren, die, die direkt Zugriff darauf haben und sich einen Vorteil verschaffen, diese Evolutionsstufe weiter reichen? Warum andere daran teilhaben lassen? Ich kann noch besser sein als du, und du hast einfach gar keine Chance mehr. Technisch. Biologisch. Kognitiv. Und selbst wenn du dann doch Zugriff darauf haben solltest – bei einer exponentiellen Entwicklung wirst du mir ewig hinterherrennen. Mit immer größerem Abstand.
Das war’s. Selbst wenn wir dann noch könnten und endlich wollen würden, selbst zu denken, selbst zu handeln, selbst zu entscheiden. Vielleicht war das aber sowieso schon immer nur eine Illusion.
Aber bis dahin… Das Beste draus machen. Wage dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Und übernimm Verantwortung. Es kommt eben niemand, um uns zu retten.
{ 7 Kommentare… Lies sie oder kommentiere selbst! }
Danke für diesen Beitrag, Ben. Erschreckend und inspirierend.
Soviel Anklage, hm. Ist auch richtig beobachtet, was du schreibst!
Aber was schlägst du vor, wie der Mensch aus dem Mittelalter 2.0 heraus wächst?
Ich denke das wäre ein gutes Thema für den nächsten Beitrag.
Wie wärs mit Neuzeit 3.0?
Gruß aus California
Hallo Otmar, danke für deinen Kommentar! Die letzten beiden Links ( und ) geben die Richtung an, was man tun kann – wobei ich insbesondere daran glaube, dass es in der Verantwortung des Einzelnen liegt. Paradoxerweise würde ich gerade eben nicht darüber schreiben wollen, weil sich jeder dafür selbst entscheiden und den Sinn dafür sehen muss. Stattdessen möchte ich auf auf Tims Seite verweisen. Die Idee mit dem Eintrag behalte ich aber im Hinterkopf.
Hallo Benjamin,
unter Verantwortung übernehmen, verstehe ich hauptsächlich etwas zu tun, eine Aktion anzustoßen, wenn einem was als richtig durch den Kopf geht.
Unsere Welt ist deshalb in vielen Teilen so unbefriedigend – du formulierst richtig – weil nur wenig Menschen den Drang haben, eine unzufriedenstellende Situation mit Taten verändern zu wollen.
Woran das liegt, ist mir nicht vollkommen klar.
Ich versuche meinen Beitrag dazu zu leisten, in dem ich aufmerksam mache, wie aktuelle Kräfte durchs Internet unsere Welt verändern.
Gruß aus California
Otmar
PS: Mag eure Website. Gut gemacht und es steht was gescheits drauf. Bei euren Links auf Twitter fehlt mir eure Meinung zu den Websites die ihr markiert…
Hallo Otmar,
erneut vielen Dank für deinen Kommentar! Ich werde ihn sehr gerne abschnittsweise beantworten.
Unter “Verantwortung übernehmen” verstehe ich eher etwas ich-bezogenes, eine Einstellung, keine soziale Handlung. Zuerst gilt es, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist. Danach übernimmt man Verantwortung zuallererst und hauptsächlich für sich, um eben zu verstehen, dass nur man selbst für sich, das unmittelbare Umfeld und abschließend ihren fernen Konsequenzen verantwortlich ist (und auch sein sollte). Die Tat / Handlung da besteht also darin, nicht bei anderen nach Schuld zu suchen, sondern sich an seine Nase zu fassen.
Das, was du vorschlägst, verstehe ich eher als einen weiteren Schritt, den man unternehmen kann, aber nicht muss und nicht mal sollen müsste. Würden alle Menschen für sich, ihr Handeln und allen Konsequenzen daraus Verantwortung übernehmen, bräuchte es keinen Aktionismus mehr um Aktionen voranzutreiben.
Es ist auch eine Frage des Ideals: Was ich für richtig halte muss noch lange nicht dasselbe für andere sein. Deswegen bemühe ich mich um mich, und halte mich an meine Ideale. Niemals würde ich mich anmaßen, meine Ideen und Ideale als die einzig wahren, richtigen oder ähnliches zu sehen (okay, ich versuche das zumindest den Großteil der Zeit). Alles darüber hinaus kann für mich nur in einem Konsens mit anderen Menschen entstehen, die ebenfalls Verantwortung für sich übernehmen (Interessengemeinschaft).
Mein “tun” beschränkt sich dann auch eher darauf, dass andere nicht für mich entscheiden sollen, nicht für mich denken, und auch nicht für mich handeln – solange ich sie nicht unmittelbar dazu beauftragt habe –; und dass ich gerne helfe, dass andere Menschen Verantwortung übernehmen. Dafür stehe ich aber auch konsequent ein und gehe auch auf die Barrikaden wenn nötig.
Ich glaube also an Eigenverantwortung, dass ich dasselbe anderen Menschen zuspreche (und ihnen also mit meinen Handlungen nicht schade) und erwarte von anderen Menschen, dass sie das auch für mich gelten lassen. Dass das in den meisten Gesellschaften (noch?) nicht funktioniert (weil die meisten Menschen eben keine Verantwortung übernehmen und es ihnen nur zu leicht fällt, sie abzugeben, und deswegen für alle entschieden wird), ist mir durchaus bewusst. Aber auch hier: dann unterstütze ich die Menschen, die sich für Freiheit einsetzen (politisch gesehen wäre das zum Beispiel jemanden zu wählen, der sich für Freiheit einsetzt und humanistische Ideale verfolgt). Am besten helfe ich dadurch, dass ich mir helfe – damit ich dann anderen helfen kann. Und nicht umgekehrt.
Den meisten Menschen geht es einfach nicht schlecht genug, als dass sie sich genötigt sehen zu handeln. Es geht ihnen aber (unter Anderem) auch nicht gut genug, dass sie – nicht von sich, sondern aus sich heraus – handeln könnten (vgl. u.A. Wikipedia: , Abschnitt “Lehre”).
Das ist löblich, absolut nachvollziehen, und auch wichtig, dass das passiert!
Ich bin da nämlich total egoistisch: Ich berichte nahezu nur über das, was mich verändert / versucht zu verändern / verändern will. (Eben aus oben genannten Gründen.)
Danke, das freut mich unglaublich zu lesen und bedeutet mir sehr viel! Das macht, auch wenn die Seite intrinsisch motiviert ist, die Arbeit, die darin steckt, sehr viel angenehmer. Das Kompliment werde ich gerne an Tim und Thomas weiter geben.
Was übrigens “Links und Meinung” angeht: Es ist eine “positive Arroganz”, warum ich meine Meinung nicht beifüge. Ich unterstelle meinen Lesern, dass sie sich diese selbst bilden (können) – weil ich nicht für sie denken will.
Ein freundlicher Gruß ins sonnige Kalifornien,
- Ben
Hi Ben,
verstehe jetzt warum die Tat erst nach der Verantwortung dran ist. Eigentlich logisch.
Hab mal gelernt (in der Direktwerbung), am Schluss kommt “die Aufforderung zur Tat”.
Wie ich sehe fehlt’s bei dir nicht an der Tat.
Da sagst du was: Den meisten Menschen gehts nicht schlecht genug. Ich wundere mich, warum niemand in USA auf die Straße geht, um gegen den Finanzwahnsinn der hier abläuft zu protestieren. Vielleicht erleben das noch. Aber die Trägheit sitzt zu tief in den Knochen…
Keep up the good work! Lass deine Leser weiterhin selbst denken. Das macht eure Seite nur spannender.
Gruß
Otmar
Danke, Otmar! Ich freue mich darauf, auch mehr von dir zu lesen.